Carmen Piazzini
Carmen Piazzini  

                                                                                                                                                                

<< Neues Textfel

Prof. Hans Leygraf

Hotel an der Oper

München, 24.02.1984

 

Liebe Carmen,                                                      

ich möchte Dir nur kurz schreiben und Dir nochmals sagen, wie sehr ich mich über Dein Spiel gestern gefreut habe. Es war für mich eine geradezu ideale Kombination von gelöster Spontaneität und konzentrierter Bewusstheit, wodurch eine Gestaltung von einer Art spielerischem Ernst zustande kam, die dem Wesen des Werkes restlos entsprach. So konnte ich dank Deiner Darstellung die Musik ganz direkt aufnehmen und genießen, es war im wahrsten Sinne eine Freude zuzuhören und so etwas erlebe ich als musikalisch einigermaßen störbarer Mensch nur ganz selten. Dafür wollte ich mich bei Dir bedanken, in der Hoffnung, Dich bald wiederzuhören. Dir, Jost und Euch allen senden Grete und ich alle lieben Wünsche und Grüße! Sei herzlich umarmt von Deinem Hans    

 

Prof. Michael Deichmann                                    

Essen, 23.VII.09   

                                                                                                                             Liebe Carmen, die ganze Nacht wurde meine vom Altersruhestand geglättete Seele aufgewühlt und befleckt von diesem Schusterfleck! Im Traum noch, schrieb ich Dir einen langen Brief, suchte ihn nach dem Erwachen überall…aber „verpufft“ – Muß ich ihn eben noch mal schreiben… Vorweg: Deine pianistische Reife ist neiderregend! Aber: Neid muß man sich schwer erarbeiten, Mitleid bekommt man geschenkt! Wenn Kollegen und „Kollügen“ herummeckern, ist immer Neid im Spiel, Rivalitätsdenken, Sackgassen neurotischer Empfindlichkeiten, Eigensinn oder Angst[JS1] , vermeintlichen, musikalischen Eigenbesitz, gepachtetes Eigentum zu verteidigen. Deshalb habe ich weitgehend aufgegeben, mit Musikern, namentlich Pianisten über Musik zu diskutieren. Schade eigentlich, Kritik kann anregen, zumindest aber eigene Positionen zu überprüfen oder zu stabilisieren. Der ganze Unterricht meines Londoner Lehrers dem Schnabelschüler A. Kinsella basierte auf einer derartigen dialektischen Unterrichtsmethode. Zum Thema: Diese beiden Aufnahmen von Dir stellen eine gewaltige pianistische und musikalische Leistung dar, ohne Frage und Widerrede! Die Selbstverständlichkeit, mit welcher Du den wildwuchernden „Hummelgarten“, bestehend aus fast allen Kulturpflanzen des musikalischen Abendlandes wie ein Chamäleon „durchwedelst“ ist bemerkenswert. Der Vergleich soll keine Herabwürdigung des Komponisten darstellen: Er ist eine erfrischen saftige Kakteenpflanze“ in der Wüste digitaler Elektronikertiere, Permutationskünstler oder Bastler, „Tüftler“, „Frimler“ mit fahrbaren Geräuschgeneratoren und Konsorten mit „Stil“. Hummel, wer selbst schreibt, ist keinem Stil verhaftet, gewissenlos und „nicht modern, deshalb gerade modern“, das gefällt mir! Erholsam, wie er frech, wohlerkannte Portraits in die Form einbindet und Gegensätze gerade durch ihre Gegensätzlichkeit Beziehung haben lässt, oder sie einfach „zusammenschustert“. Peng! Es funktioniert! Natürlich auch selbstverständlich durch einen Gewaltaufwand dieser kongenialen Interpretin. Glück für ihn, daß er über Dich verfügen durfte, Glück für Dich auch, daß er bei der Aufnahme Pate stehen konnte. Über geschmackliche Integrität der Hummelvariation XXXIII, die als solche gut gelungen und fetzig gespielt ist, könnte man streiten. Womit aber wäre eine derart equivalente Schlusswirkung zu erreichen, wie jene des Beethoven - Schluß - Menuettos, welche uns in den Himmel hebt. Damit sind wir bei der zweiten, hier nicht chronologischen Einspielung: Bei dieser, im ganzen äußerst ausgereiften Interpretation, welche ich, in ihrer Fülle, Sensibilität, und da, wo eklatant gefordert, schönere Weiblichkeit, bewundere, könnte ich mir bei aller Klangkultur einen gewissen „Schuß“  von der Hummelschen „Rücksichtslosigkeits – Würze“ wünschen. Beethoven hat ja auch alles! Er steht dem Franz Hummel nicht nach, braucht sich nicht zu verstecken hinter ihm!  Die kantigen Seiten, Herbheit, Säure, „trockenes Brot“ lassen danachgereichte feine „Auslesen“ noch betörender erscheinen. Ein gelegentlich trockenes Klangbild macht den zarten Duft noch erregender, wenn er ihm nicht gar Schutz gibt. Beispiel: Von dem gewünscht mächtigen Maestoso der Var. I kommst Du von dem von Dir liebevoll zelebrierten dolce über (noch nicht dolce!) mit Achtelpausen. Man spürt förmlich zarte Fingerspitzen, wie sie in meiner Erinnerung einst Kaugummi – Plättchen zusammengefaltet haben.- Entsprechend würde Var. XI noch wunderbarer erscheinen nach Var. X ohne Artikulation (nur 2 Bögen) sonst staccato. Die entzückend gespielte Var. XV (Presto scherzando) würde an Heiterkeit noch gewinnen wäre vor ihr eine unerbittlich durchgehaltenes Grave e maestoso (vorgestellt durch total gezügeltes Hände werfen bei Celibidache). Keine Aufregung! Bei den folgenden Variationen empfinde ich nur noch uneingeschränkte Bewunderung: Var.  XVIII ist pianistisch einmalig gelungen! Tiefe Kontemplation (Brahmserfahrung) in Var. XX, hohe kammermusikalische Erfahrung spürt man genussreich in Var. XXII (Mozart). Danach kommt von unnachahmlichem Argentinischem Temperament gerahmt eine für mich überraschend ausgereifte Fughetta XXIV mit wunderbar abgehörter Stimmführung, Polyphonie ohne Effekt, toll! Ausgereiftes cantabile – Spiel bei Var. XXX, übrigens auch Var. XXIX kann man sich kaum schöner vorstellen. XXXI ohne Kommentar „espressivo" pur. Beethovens späte Heiterkeit ist wunderbar gelöst und getroffen im Menuetto, welches mit einer länger ausgehaltenen am Fugen – Ende zuvor noch himmlischer erscheinen würde. Aber: Alles bildet bei Dir absolute Harmonie. Auf dem präsenten opulenten Steinwayklang, welcher den Spieler natürlich, möchte man hier nicht verzichten zu Gunsten der Askese, klar! Ich für meinen Teil fühle mich im Allgemeinen manchmal etwas überschwemmt von der Fülle und der vielen Farbmöglichkeiten des D – Flügels. Bei alten Schnabel- und Lipatti – Aufnahmen kommt man weniger vom Klang abgelenkt an das Wesentliche heran. Vergleichbar: Dreidimensionale Cinemascop – Farbigkeit im Gegensatz zu schwarz – weiß – Stummfilmen von Buster Keaton. Das hat ja was…oder?  Goethe sagt am Ende eines Sonetts: „In der Begrenzung zeigt sich der Meister.“ Sparsamere Palette sind im Moment meine persönlichen Neigungen. – Mit Jost sprach ich: Er äußerte den Wunsch, Dir alle meine Gedanken zu Deiner Aufnahme zu schreiben. Der Brief aus meinem Traum wäre viel länger geworden. Gott sei Dank bleibt er unauffindbar… Sei Du herzlichst umarmt von einem „Nicht – Kollügen“. Michael Deichmann                                                                                                                                                                        

     

 

Begeisterung nach einem Konzert!

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Carmen Piazzini